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Bangladesch – Nach Osten

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Bangladesch, ein kleines Land, ein armes Land, ein muslimisches Land. Fast komplett umgeben vom mächtigen Indien, nur ein paar Kilometer Grenze mit Myanmar, im Süden Zugang zur Bengalischen Bucht. Warum ist so ein Land spannend für einen Radler wie mich? Ganz einfach: Weil die Durchquerung Bangladeschs der kürzeste Weg in den Nordosten Indiens darstellt.

from kolkata to agartala. in between: bangladesh
Von Kalkutta nach Agartala. Daszwischen: Bangladesch

Bangladesch, vorher Ost-Pakistan, wurde 1972 eine unabhängige Nation. Heute leben etwa 164 Millionen Menschen dort, 76% von ihnen leben von weniger als 2 Dollar (1,40 Euro) am Tag, sagt die Statistik.
Mehr Fakten über Bangladesch hier und hier.

In den Internationalen Medien ist taucht dieses Land meistens im Zusammenhang mit Zyklonen oder heftigen Überschwemmungen während der Monsunzeit auf. Von Zeit zu Zeit wird noch über den neusten Korruptionsskandal in der Regierung berichtet oder über die inhumanen Arbeitsbedingungen in der Textil-Industrie: Etwa 4 Millionen Menschen, meistens Frauen, arbeiten in einer der tausend Textilfabriken, oft für weniger als 50 Dollar (35Euro) im Monat. Sie produzieren Kleidungsstücke für westliche Marken, und exportieren diese in den Europäischen und Amerikanischen Markt.

Als ich in Bangladesch war stürzte in der Hauptstadt Dhaka eine solche Fabrik ein. Systematischer Betrug am Bau und Nichteinhaltung jeglicher Sicherheitsbestimmungen führte zu dem Unglück bei dem mehr als 1000 Arbeiter getötet wurden. Aber solche Geschichten kann man in der Zeitung lesen, hier soll es um etwas anderes gehen.

Bangladesch ist kein Touristen-Ziel

15 Tage bekam ich bei der Deputy High Commission of Bangladesh in Kalkutta. Obwohl Bangladesch ein relativ kleines Land ist, war ich dadurch ein wenig gestresst nach der fast unendlichen Menge an Zeit die ich in Indien hatte.( Ok, 6 Monate sind nicht so viel für ein riesiges Land wie Indien, aber doch eine lange Zeit wenn man es mit der Dauer der Touristenvisa in anderen Ländern vergleicht.)

Bangladesch ist kein großes Touristenziel, obwohl es meiner Meinung nach Potenzial hat und es jede Menge zu sehen gibt. Zuerst einmal die Sunderbans, die weltgrößten Mangroven-Wälder. Oder Cox Bazar, 120 Kilometer ununterbrochener Sandstrand. Und vielleicht als letztes Dhaka, die Hauptstadt des Landes mit 14 Millionen Einwohnern, Zentrum einer aufblühenden Kunst- und Literaturszene.

Ich konnte mich nicht entscheiden wo ich hin wollte. Besorgt über meine geringe Menge an Zeit entschloss ich mich für eine nahezu direkte Route nach Agartala, welches im Indischen Bundesstaat Tripura liegt. Und, wie auch schon an anderen Orten zuvor, entdeckte ich, dass der wahre Schatz, die eigentliche Sensation eines Landes die Menschen sind.

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Bangladeschis sind sehr neugierige Menschen

“Brother, how are you?”

Bangladeschis sind hilfsbereit, freundlich und natürlich sehr neugierig. Was ich schon im ländlichen Indien erfahren hatte, Menschen umrunden mich und mein Fahrrad überall wo ich anhalte, fand in Bangladesch seine Fortsetzung, aber es war anders. Die Leute starrten mich nicht nur an, sie versuchten zu kommunizieren. „Bruder wie geht’s dir?“ vom kleinen Kind bis zum alten Mann, jeder in Bangladesch schien zumindest diesen einen Satz zu kennen. Am Anfang war es komisch „Bruder“ von einer fremden Person genannt zu werden, aber ich mochte es mehr als „Sir“ oder „Mister“. Es ist sehr direkt, zeigt dass wir alle auf demselben Level sind, alle Menschen, und die Leute dort meinen es auch so. Sie behandeln dich wie einen Bruder.

In einem Dorf hielt mir jemand ein Handy ans Ohr, „Hier, für dich“. Ich hörte eine Stimme auf Deutsch sagen: “Hallo, wie gehts? Du bist deutsch? Dies ist mein Dorf, komm bitte in mein Haus!“ Ich hatte einen guten Abend mit einem Bangladeschi, welcher mehr als 20 Jahre in Deutschland gelebt hatte, und die herzliche Gastfreundschaft erinnerte mich sehr an meine Erlebnisse in Ländern wie Iran und Pakistan.

invited by a german speaking bangladeshi
Einladung von einem deutschsprachigem Bangaldeschi

Orientierung war schwierig

Es gibt nicht so viel Verkehr auf den Straßen, die meisten Leute besitzen kein Motorrad, geschweige den ein Auto. Der meiste Verkehr besteht aus Lkw, klappernden alten Bussen, und vielen von diesen dreirädrigen Fahrradrikschas, welche dazu benutzt werden fast alles zu transportieren.

people transporting bricks on their cycle rickshaws. I will never again complain about my luggage.
Diese Leute transportieren reihenweise Ziegelsteine auf ihren Fahrrädern, nie wieder werde ich mich über mein Gepäck beschweren…

Navigation war schwierig. Ich schaffte es nicht eine Karte von Bangladesch aufzutreiben, und mit nicht sehr genauen Ausdrucken von Google Maps und meinem Kompass schlug ich mich nach Osten durch. Nach dem Weg zur nächsten Stadt zu fragen ist ähnlich wie in Indien: 3 Fragen, 3 verschiedene Antworten, die Leute sagen niemals „Nein“ wenn sie den Weg nicht kennen. Überraschenderweise konnte mir jeder die genaue Richtung und Entfernung nach Dhaka nennen, welches ich vermeiden wollte; große und überfüllte Städte wie diese können ein Alptraum für Radfahrer sein.

also smaller cities are crammed with people and rickshaws
auch kleinere Städte sind überfüllt mit Menschen und Rikschas

“Indien Nein. Nicht für dich.”

Eine Geschichte die ich noch mit euch teilen möchte handelt vom Versuch die Grenze zurück nach Indien zu überqueren. Es war schon später Nachmittag als ich den offiziellen Grenzposten erreiche.

Zwei Stunden vorher war ich von einer freundlichen Grenzpatrouille geschnappt und zurückgeschickt worden, als ich unbewusster Weise versuchte illegal nach Indien einzuradeln. Ich hatte die Menschen nach dem Weg nach Indien gefragt, jeder hatte in eine Richtung gezeigt, und der Weg wurde schmaler, endete in einem matschigen Pfad der sich im Wald verlief. Ich hatte erneut gefragt, und Leute deuteten in Richtung Wald. Von da an dämmerte es mir, dies ist nicht der legale Weg, und in dem Moment kam eine Gruppe uniformierter und bewaffneter Soldaten der Grenzpolizei auf mich zu und hatten mir belustigt erklärt: „Indien Nein.Nicht für dich. Nur ohne Pass. Du Pass, du brauchst Stempel“.

So, hier war ich also am richtigen Checkposten und stand einem Grenzoffizier gegenüber welcher mir sagte, ich hätte 300 Taka (3 Euro) governmental travel tax zu entrichten bevor ich das Land verlassen dürfte. Das hatte ich nicht gewusst, hatte all mein Geld ausgegeben, und musste die Grenze noch am selben Tag überqueren. Ein Freund wartete auf der anderen Seite. Ich diskutierte mit dem Offizier, sagte ihm ich habe kein Geld, und dass ich noch nie von solch einer Steuer gehört hätte. Doch er meinte es ernst und machte mir klar, er würde mich nicht über die Grenze lassen, bevor ich nicht diese Gebühr bezahlt hätte.

a market seller is counting his money
Ein Verkäufer auf dem Markt zählt seine Einnahmen

Hier ging es nicht um Bestechung

Es ist schwierig ein Problem mit einem Beamten zu lösen, wenn du kein Geld in der Tasche hast. Wie auch immer, es ging nicht um ein Bestechungsgeld, den der normale Vorgang war, zu einer Bank zu gehen, das Geld einzuzahlen  und mit der Quittung an der Grenze zu erscheinen. Für mich war das keine Möglichkeit. 20 km in die Stadt zurückradeln, Geld abheben, Geld einzahlen, zurück zur Grenze radeln – ich würde es zeitlich nicht schaffen, die Grenze machte in einer Stunde dicht. Ich verließ enttäuscht den Raum und setzte mich vor das Gebäude, ratlos was ich nun machen sollte.

what´s going on here?
was passiert hier?

Ein paar LKW-Fahrer und einige Kinder hingen herum, und ein Mann in einem teuer aussehenden aber dreckigen Anzug fragte mich was das Problem sei. Ich sagte ihm, ich habe kein Geld um die Ausreisegebühr zu zahlen, und einen Moment später kam auch der Grenzoffizier dazu. Immer mehr Leute kamen, neugierig zu hören was da vor sich geht. Ich musste wieder mal all die Fragen beantworten die für die Leute wichtig sind. In Bangladesch meisten in folgender Reihenfolge:

Wie geht’s dir Bruder?

Wo kommst du her?

Wo gehst du hin?

Bist du allein?

Bist du verheiratet?

Wo sind deine Freunde?

Bist du Muslim?

Wieviele Brüder und Schwestern?

Wie gefällt dir Bangladesch?

Dann geschah das unglaubliche: Der Typ in dem dreckigen Anzug zog 100 Taka aus seiner Tasche, die Kids fingen an verknitterte 10 Taka Noten aus ihren Taschen zu fischen, und auch die LKW-Fahrer sammelten Geld. Schnell waren 300 Taka zusammen und wurden mir in die Hand gedrückt. Menschen in einem der ärmsten Länder der Welt hatten gerade Geld gesammelt für einen Menschen aus einem der reichsten Länder der Welt um ihm zu helfen eine Grenze zu überqueren. Ohne Erwartungen, ohne Bedingungen, einfach aus reiner und ehrlicher Zuneigung und Freundlichkeit.

„Hab eine gute Reise Bruder“ hörte ich die Stimme des Grenzoffiziers hinter mir, während ich mein Fahrrad die letzten Meter Richtung Indien schob, immer noch verwirrt von dem was gerade passiert war.

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