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Chile/Argentinien: Durch vier Jahreszeiten nach Santiago

April/Mai 2018

Noch drei Kilometer nach Primavera, was auf spanisch Frühling bedeutet. Doch eigentlich ist es Herbst, fühlt sich an wie Winter und ich wäre gerne schon im Sommer, welcher auf der argentinischen Seite der Cordilleras auf mich wartet.

Ich bin in der chilenischen Region Araucania unterwegs, benannt nach den Araucaria Bäumen welche nur hier wachsen. Und das schon seit Millionen von Jahren, sie sind quasi Lebewesen aus der Urzeit. Eine regnerische Woche hatte ich in Temuco verbracht und bin nun froh, weiter zu können, wenn ich auch unsicher bin ob der Pass Pino Hachado nach Argentinien geöffnet sein wird. Ein plötzlicher Kälteeinbruch hatte den Regen in den höheren Lagen zu Schnee verwandelt und je höher ich mich die Schotterpiste durch die dichten Wälder um den Vulkan Llaima hochdrücke, umso mehr bekomme ich von diesem Schnee zu sehen, bis schließlich die Straße ganz verdeckt ist. Doch ich mag nicht umkehren, den ganzen Weg zurück fahren und die mühsam erkämpfte Höhe wieder verlieren. Ich entschließe mich, die Nacht in dieser Winterlandschaft zu verbringen und am nächsten Tag mit neuen Kräften zu probieren wie weit ich komme.

Weit ist es nicht. Selbst in der Fahrspur eines Autos finden die Reifen keinen Halt und das schieben ist anstrengend. Spätestens als dann an der Grenze des Naturreservates China Muerte die Fahrspuren aufhören und ich bis zu den Knien im Schnee versinke, muss ich einsehen dass ich hier nicht weiterkomme. Also zurück, immer bergab. Zur Hauptstrasse muss ich und dann einen großen Bogen fahren zur Passstraße, welche hoffentlich geräumt und schneefrei ist. Doch nach einigen Kilometern stoße ich auf eine chilenische Familie, die ihren Geländewagen im Schnee geparkt haben und mich erstaunt angucken. Wie die Straße weiter oben sei, fragen sie mich, überlegend ob sie es probieren sollten. Ich bin nicht sehr zuversichtlich angesichts des vielen Schnees, kann aber auch nicht einschätzen was ein Geländewagen schaffen kann. Sie wollen es probieren, legen Schneeketten an und bieten mir an, mein Rad auf ihr Auto zu laden. In der Hoffnung, doch noch diese Strecke fahren zu können, welche deutlich kürzer zum Pass ist und auch sehr schön sein soll, stimme ich zu.

 

Tatsächlich schafft es das Auto und nach nur 10 Kilometern ist das verschneite Stück überwunden und ich radle im strahlenden Sonnenschein bergab. Auf dieser Höhe wachsen die Araukarien Bäume, mächtig und majestätisch strecken sie ihre nadeligen und verzweigten Äste in den Himmel, die Rinde der Stämme erinnert an Reptilienhaut. Zu dieser Jahreszeit lassen sich die Samen der Bäume sammeln, welche seit tausenden von Jahren eine Nahrungsquelle für die hier lebenden nativen Mapuches sind. Auch ich sammel eine handvoll dieser köstlichen Kerne auf und bereichere somit meine Mahlzeiten.

Vom Winter in den Sommer

Nach einer weiteren kalten Nacht mit Temperaturen unter Null Grad geht es dann zum Pass Pino Hachado hinauf. Die Straße ist asphaltiert und geräumt und über mehrere Stunden pedale ich langsam dem höchsten Punkt auf 1800 Metern entgegen. Die Aussichten sind fantastisch. Gleich mehrere Vulkane zeichnen sich am Horizont ab, und die immergrünen Araukarien stechen aus der herbstlich verschneiten Landschaft hervor.

Ich lasse mich nicht lange aufhalten am höchsten Punkt, sammel eine Plastiktüte mit Orangen aus dem Schnee auf, welche wohl von jemandem aus Angst vor den strengen chilenischen Einreisekontrollen zurückgelassen wurde, und lasse mein Rad bergab rollen. Schneller als ich schauen kann ändert sich die Landschaft. Schon nach wenigen Kilometern bergab, am argentinischen Grenzposten, ist von Schnee nichts mehr zu sehen. Die grünen Araukanien gliedern sich in die eher warmen Töne der Felsen ein und noch etwas weiter bergab tauchen die hügeligen und geschwungenen Formen der Pampa auf, karg und mit einzelnen Büschen.

 

Ich lasse das Rad einfach rollen. Welch herrliches Gefühl nach den Strapazen der letzten Tage. Keinen Pedalschlag muss ich tun, nur einen Finger an der Bremse behalten. Dies sind die glücklichsten Momente, die Belohnung für die Anstrengung, in Form von Endorphinauschüttung im Gehirn. Berauscht rausche ich hinab, die schneebedeckten Berge hinter mir lassend. Der Tag neigt sich dem Ende zu und der Himmel fängt an, orange und rosa zu glühen. Was für eine Kulisse. Ich fahre bis in die Dunkelheit und schlage mein Lager unter ein paar Bäumen neben der Straße auf. Diese Nacht schwitze ich, es wird nicht kälter als 15 Grad, und am nächsten Morgen heizt die Sonne mein Zelt schnell auf. Was für ein Gegensatz zu den letzten Tagen. Endlich kann ich die Handschuhe und warme Unterwäsche wegpacken und in T-shirt und Shorts nach Las Lajas radeln, der erste Ort auf argentinischer Seite.

Sommer in der Pampa

Es ist Herbst, doch fühlt sich an wie Sommer. Tagsüber brennt die Sonne mit unerbärmlicher Kraft, nur nachmittags wird es angenehm kühl und schließlich kalt in der Nacht. Nach nur drei Tagen habe ich die Pampa schon wieder satt. Nicht so sehr die kargen Berglandschaften und weiten Blicke, aber die An- und Abstiege. Die Ruta 40 nach Norden windet sich auf und ab, immer um die 1000 Meter hoch gelegen und meine Karte sagt mir, dass es auch so weiter gehen wird bis nach Mendoza.

Ich bin müde. Nicht nur mein Körper, sondern besonders mein Kopf. Was sich schon in den letzten Wochen bemerkbar gemacht hat, kann ich nun vollends fühlen. Ich bin nicht mehr so ausgeglichen, kleine Dinge frustieren mich und manchmal steigt sogar Wut in mir auf. Wenn der Rauch des Feuers am Abend schon wieder genau in mein Gesicht bläst, oder wenn ich nach einem langen Anstieg erschöpft oben ankomme, nur um zu sehen dass es nach einem kurzen Stück bergab wieder hoch geht.

Ich möchte nicht all diese Berge radeln, mich so sehr verausgaben. Die Herausforderungen dieser Strecke kosten mich immer mehr Kraft. Immer öfters wünsche ich mir dass ich doch schon gerne in Nordargentinien wäre. Oder Bolivien. Oder gar schon Kolumbien.

Doch warum eigentlich? Es geht doch nicht darum irgendwo anzukommen, sondern um den Weg. Doch in den letzten Wochen ist mir ein wenig die Lust am radeln vergangen, oder eher gesagt der Sinn verloren gegangen.

Ich habe mir immer ein neues Ziel gesetzt, die nächste große Stadt zum Beispiel, nur um anschließend das nächste geographische Ziel auf der Karte zu identifizieren und mir zu wünschen schon dort zu sein.

Anstatt das Hier und Jetzt zu akzeptieren und zu genießen wurde mein innerer Widerstand gegen das „was ist“ immer größer und das konstruieren einer besseren Zukunft in meinem Kopf nahm mehr und mehr Platz ein. Auch die Einsamkeit macht mir mehr zu schaffen. Nicht unbedingt das alleine sein, sondern eher das Gefühl der sozialen Isoliertheit unter Menschen. Immer die ähnlichen kurzen Unterhaltungen in Spanisch können mein Verlangen nach Kommunikation und Austausch nicht erfüllen und in Situationen mit mehreren Menschen schalte ich oft ab, da ich nicht genug verstehe. Dann werde ich zu einem passiven Beobachter oder bin in meinem Kopf einfach woanders und fange an mich zu langweilen.

Erkenntnis ist der erste Schritt zum Wandel. An einem Abend mache ich einen neuen Plan. Ich werde den nächsten Pass zurück nach Chile nehmen und direkt nach Santiago radeln. So entgehe ich den vielen Höhenmetern auf der argentinischen Seite und außerdem kenne ich ein paar Leute in Santiago. Dort kann ich mich ausruhen, mal eine Weile an einem Ort bleiben und über meine Prioritäten und Veränderungen nachdenken und die Vorteile einer großen Stadt genießen.

Mit diesem Entschluss fühle ich mich besser und auch das radeln fällt mir leichter. Mit dem Wissen, nur noch ein paar Tage in der Pampa unterwegs zu sein, kann ich die Strecke mehr genießen und nehme die Schönheit der Landschaft mehr war. Nach dem Ort Barancas geht die bisherige gute Asphaltstraße in eine staubige Piste über. Vulkane haben diese Landschaft geformt und erstarrte Lavaströme mit scharfkantigen, glasähnlichen Steinen durchziehen das ansonsten flache Tal des Flusses Rio Grande. Außer ein paar Ölpumpen und kleinen Hütten von Ziegenhirten hier und da gibt es nicht viele Anzeichen von Zivilisation. Tagsüber scheint die Sonne und nachts erstrahlen die Sterne und der Wind fegt über mein Zelt.

Zurück in den Winter

An der Abzweigung zum Pass Pehuenche nach Chile stocke ich meine Vorräte in einem kleinen Laden auf und mache mich an den Aufstieg. Nahezu unmerklich steigt die Straße durch ein Flusstal an, Verkehr gibt es kaum. Es könnte eine einfache Sache werden, dieser Pass, wäre da nicht der Wind. Zum Glück nur in Böen weht er von vorne. Dann aber so stark dass ich anhalten und mein Rad festhalten muss um nicht umgeweht zu werden. An einem Abschnitt, wo die Straße durch ein enges Tal führt, wirbelt der Wind Sand von den steilen Berghängen auf und wirft ihn mir mit solcher Kraft entgegen, dass ich hinter meinem Rad Schutz suche vor diesen Mini Sandstürmen. Ich habe nur eine kurze Hose an und die Körner schmerzen wenn sie auf meine Beine treffen und hinterlassen rote Punkte.

Doch auch dieses Stück bringe ich hinter mich und komme oben am Pass an. Es geht bergab, wieder bergauf, und mehr bergab. Kälter ist es hier und ich muss meine Handschuhe auspacken noch bevor ich die chilenische Immigration erreiche.

Santiago ist nahe, rund 300 Kilometer, und je näher ich komme um so quadratischer wird die Welt. Die Straße führt geradeaus, begleitet von kilometerlangen Zäunen und endlosen Reihen von Obstbäumen oder Rebstöcken, rot und gelb leuchtend im nebligen Herbstwetter. Mehr und mehr Gebäude bestimmen das Landschaftsbild, große Lagerhallen und Industriekomplexe werden häufiger.

Zum Glück kann ich meistens den Highway 5 meiden und mich auf verkehrsärmeren Nebenstraßen an Santiago anschleichen. Selbst die Einfahrt in diese Millionenstadt verläuft einfacher als gedacht. Nach einer letzten Nacht im Zelt auf dem Fussballplatz eines Dorfes mache ich mich auf den Weg. Nach drei Stunden radeln ist die Stadtgrenze überschritten und von dort an gibt es fast immer einen Radweg entlang der großen Einfallsstraßen und ohne Probleme erreiche ich das Haus meines Freundes Gabriel, mit dem ich in Patagonien unterwegs war. Es ist Zeit für eine Pause.

Ein Gedanke zu „Chile/Argentinien: Durch vier Jahreszeiten nach Santiago

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