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Die letzte Etappe

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Die letzte Etappe

Das Ende einer Radreise um die halbe Welt

Viele Reisende sagen, die Ankunft nach einer Reise sei schwerer als der Aufbruch selber. Und umso länger man unterwegs sei, umso größer die Schwierigkeiten.

Diese meine Reise wird nun nach acht Jahren zu Ende gehen. Acht Jahre? Wie konnte es nur so lange werden? War der Plan am Anfang gewesen, nur bis nach Indien zu radeln, hatte ich doch auch Zweifel dies überhaupt zu schaffen. Was wenn mein Fahrrad kaputt ginge? Wenn ich überfallen würde? Standen doch Länder wie Irak, Iran und Pakistan auf meiner Route. Wenn ich Heimweh bekommen würde? Doch war erst einmal diese „erste Etappe“geschafft (an sich schon eine große Reise von 10 Monaten und 10.000 Kilometern und keine Etappe), waren alle Selbstzweifel verflogen und mich hatte das Reisefieber erst so richtig gepackt.

Ein weiteres Jahr in Südostasien ging auch schnell vorbei und da das Geld knapp wurde machte ich mich auf den Weg Richtung Australien. Über die ganzen indonesischen Inseln ging es von Sumatra bis nach Ost Timor, von wo es nur noch ein Katzensprung ist bis zur Nordküste Australiens. Dort gab es außer der Stadt Darwin nicht allzu viel zu sehen und so radelte ich die 3000 Kilometer quer durch die Wüste Australiens um im Süden einen Job zu suchen und meine Reisekasse aufzubessern. Ein weiteres Jahr verging, ein erneuter Abstecher nach Südostasien und die Philippinen folgte und schließlich ein Jahr in Neuseeland, wenn man schon mal da unten ist, sollte man das ja auch ausnutzen. Dann ging es endlich nach Südamerika, von Argentinien bis Alaska wollte ich radeln, so dass nur noch Afrika übrig sein würde, doch es kam anders.

In den letzten Jahren kam immer mehr die Erkenntnis durch, dass es an der Zeit sei etwas anderes zu machen. Nach mittlerweile sechs Jahren ständigem unterwegs sein merkte ich die negativen Folgen des Langzeitreisens deutlich. Das fehlen tiefer sozialer Kontakte, eines festen Umfeldes. Das Verlangen nach Gewohnheit, Routine und Stabilität. Auch das Fahrrad fahren war nicht mehr so erfüllend, oft radelte ich nur noch stumpf die Kilometer herunter um an einem Ort anzukommen und mir dann das nächste Ziel zu setzen. Nach sieben Jahren kehrte ich zum ersten mal nach Deutschland zurück, auf Heimatbesuch für zwei Monate, und nach einem weiteren Reisejahr in Südamerika war dann der Entschluss gefasst: Diese Reise wird ein Ende finden. Ich werde zurück nach Deutschland gehen. Den Frühling hatte ich mir ausgesucht, ein guter Zeitpunkt um nach Europa zu kommen und dort zum Abschluss noch einige Wochen zu radeln. Von Madrid sollte es mit dem Rad zurück nach Deutschland gehen, ein würdiger Abschluss dieser Reise die ja mit dem Fahrrad begonnen hatte und auch so enden sollte. Es war der März 2020 als ich meinen Flug von Kolumbien nach Spanien buchen wollte. Doch der Corona Virus machte mir einen Strich durch die Rechnung. Strikter Lockdown, Abriegelung der Grenzen und streichen sämtlicher Flüge ließen mich erst mal in Kolumbien festsitzen.

Bis sich dann im Juli kurzfristig die Gelegenheit ergab, mit einem privaten Evakuierungsflug nach Deutschland zu fliegen. Es stand außer Frage dass ich wenigstens vom Flughafen Frankfurt die letzten Kilometer nach Hause radeln würde.

Deutschland – ein Radfahrerland?!

Die Glasschiebetüren fahren zur Seite, ich schiebe den Gepäckwagen mit meinem Fahrradkarton nach draußen und ziehe im selben Moment den lästigen Mundschutz ab. Zwanzig Stunden Mundschutzpflicht, so lange hatte der Flug gedauert, mit Zwischenlandungen in Panama zum auftanken und auf den kanarischen Inseln um für das letzte Stück die Bordbesatzung auszuwechseln, welche wegen anderen Wartezeiten die maximale Flugzeiten überschritten hatten. Aber egal, was zählt ist – ich bin in Deutschland. Bereit für die letzte Radeletappe nach Hause. Angenehm warm ist es, fast wie in Kolumbien, und ich suche mir eine ruhige Ecke am Flughafen um mein Fahrrad zusammenzuschrauben. Es ist in keinem guten Zustand und wurde im letzten Jahr auch nicht viel benutzt. Roststellen sind notdürftig überlackiert, einer der Schalthebel funktioniert nur nach Lust und Laune und auch eine Bremse hat rostbedingt ihren Betrieb mehr oder weniger eingestellt. Alles Zeichen meiner abnehmenden Motivation für das radfahren im letzten Reisejahr, doch es wird ausreichen für die letzten Kilometer nach Hause.

Der Radweg in die Innenstadt ist schnell gefunden. Ungewohnt gewohnt zeigt sich mir Deutschland. Die riesigen massiven Häuser, breite Straßen, Gehwege und Bepflanzungen, alles sehr durchdacht und ordentlich. An der Mainpromenade flanieren die Menschen in Sommerkleidung oder sitzen in kleinen Grüppchen auf der Wiese, auf dem Wasser Menschen auf Paddelboards, es scheint ein neuer Trend zu sein. Von Corona keine Spur, solange man nicht ein Geschäft betritt. Und dort halten die Menschen auch diszipliniert den Sicherheitsabstand ein. Auch ich bin diszipliniert und begebe mich unverzüglich und ohne unnötige Kontakte auf meinen Nach-Hause-Weg, so wie es die Coronaschutzverordnung vorsieht. Etwas über 200 Kilometer liegen vor mir, ein Klacks im Vergleich zu den fast 50.000 km die sich in den letzten Jahren angehäuft haben, oft unter weitaus schwierigeren Bedingungen. Und Deutschland scheint 2020 zu einem Radfahrerland geworden zu sein. Nicht nur kann ich seit dem Flughafen nahezu durchgängig beschilderten Radwegen folgen, nein ich fühle mich sogar auf der Straße nahezu königlich und zuvorkommend behandelt. Ich werde wahrgenommen als Radfahrer, weder geschnitten noch gefährlich überholt, ja oft wird mir sogar von geduldigen Autofahrern Vorfahrt gewährt die ich gar nicht hätte. Viele Autofahrer scheinen vorauszudenken wie ich mich verhalten könnte und ich fange sehr schnell an, mich ziemlich sicher und unbesorgt im Stadtverkehr zu fühlen. Bevor sich hier jemand beschwert: Meine Aussagen sind natürlich im internationalen Kontext meiner Erfahrungen zu sehen. In den meisten Ländern ist es leider so dass man als Radler keinerlei Rechte hat, in der Hackordnung des Straßenverkehrs auf der untersten Stufe steht und manchmal sogar scheinbar von Mordabsichten einzelner Verkehrsteilnehmer ausgehen kann, besonders erwähnt seien hier die Busfahrer in Indien! Musste ich sonst immer besonders vorsichtig sein, mit allem rechnen und keinerlei Rücksicht erwarten, ist die Situation in Deutschland schon deutlich besser.

Ähnlich sieht es beim Radwegenetzwerk aus. Na klar ist die innerstädtische Struktur deutlich verbesserungsdürftig und ausbaufähig, aber hey, toll dass es überhaupt Radwege gibt und diese immer öfter auch von dem Autoverkehr getrennt sind. Ich suche mir meinen Weg nach Norden. Von einem Schilderpfosten zum nächsten, denn ausgeschildert sind immer nur die nächsten Ortschaften in maximal 10 km Entfernung. Ein Blick auf die Karte ist also unumgänglich, welches Dorf ich denn als nächste ansteuern muss, denn Fernziele sind fast nie ausgeschildert. Doch meistens führt der Radweg innerorts über verkehrsarme Straßen und außerorts getrennt neben den Bundesstraßen. Dass ich mir eine vielbefahrene Straße mit Autos teilen muss kommt nur für einige Kilometer vor, und auch dort hätte es bei dem dichten Straßen- und Wegenetz bestimmt Alternativen gegeben. Undenkbar auf einer deutschen Autobahn zu radeln, doch in manchen Ländern bin ich nicht drumherum gekommen, zuletzt in Chile wo ich fast eine Woche auf dem Standstreifen der Autobahn vom Süden bis nach Santiago radelte und an Autobahnraststätten übernachtete.

Gießen ist schnell erreicht und schon unterwegs erkenne ich den Charme Deutschlands aus der Sicht eines Touristen. Die kleinen Dörfer mit historischen Ortskernen, ihren verwinkelten Gassen und mittelalterlichen Bauten. Fachwerkhäuser mit Blumenkästen und die gepflegten Vorgärten müssen einfach Eindruck machen auf Besucher aus anderen Ländern, besonders anderen Kontinenten. Und außerhalb der Dörfer hügelige Feldlandschaften. Golden wiegt sich der Weizen im Wind und aufrecht in Reih und Glied steht der grüner Mais, bunte Wildblumen an den Feldrändern, dort wo die Pestizide nicht hinkommen. Hier und da eingestreut ein kleines Waldstück, die Bäume nur überragt von Hochspannungsleitungen oder Funkmasten welche auf jeder Erhöhung stehen.

Meine innere Uhr ist sowieso durcheinander und ich möchte es möglichst weit schaffen heute. Es wird erst spät dunkel hier im deutschen Sommer, die Sonne will und will nicht untergehen und noch vor Einbruch der Dunkelheit schaue ich mich nach einem Ort für mein Zelt um.

Dies stellt überhaupt kein Problem dar. Felder und Wiesen sehen einladen genug aus und auch ein Waldstück findet sich immer. Die einzige Schwierigkeit ist, so weit von einer Straße weg zu sein um nachts wirklich Ruhe zu haben.

Am nächsten morgen geht es weiter Richtung Marburg. Der Lahntal Radweg scheint beliebt zu sein. Nicht nur Freizeitradler begegnen mir, sondern zahlreiche Menschen mit Gepäcktaschen auf größerer Tour. Junge, Alte, Soloradler, Vater und Sohn, ganze Familien mit Kleinkindern mit schicken Lastenrädern und Kinderanhängern, Gruppen älterer Frauen – es scheint, ganz Deutschland ist hier unterwegs und Radelurlaub schwer im Trend. Es sind mehr Reiseradler als auf der berühmten Carretera Austral in Patagonien, wo ich bis zu zwanzig Radler pro Tag getroffen habe. Nun Ja, die Szenerie an der Lahn ist zugegebenermaßen nicht ganz die selbe.

Marburg ist schnell durchquert, mit einem kurzen Aufenthalt im Radladen für einen neuen Schlauch und im Supermarkt für die Reiseverpflegung. Von hier an wird es hügeliger und waldiger. Immer wieder trockene Gruppen von Bäumen oder auch mal größere gerodete Flächen. Borkenkäfer und Sommerhitze wie man mir sagt. Katastrophal für den deutschen Wald. Eher katastrophal für die Waldbesitzer welche nun um ihre Gewinne fürchten müssen. Wer einmal den Amazonas hat brennen sehen ist von solchen „kleineren“ Schäden eines forstwirtschaftlichen Nutzwaldes nicht allzu sehr beeindruckt.

Es geht auf einem Radweg über eine ehemalige Bahntrasse immer ansteigend bis nach Winterberg. Das ist schon Sauerland hier, es ist ein Heimspiel. Auch an der Ruhrquelle war ich schon mal gewesen, zusammen mit meinem Vater habe ich als Teenager mit dem Rad die Tour de Ruhr gemacht. Ich weiß nicht mehr wie viele Tage wir uns damals vorgenommen haben, aber heute weiß ich dass ich die 62 verbleibenden Kilometer bis nach Arnsberg, meiner Heimatstadt, heute noch schaffen werde, auch wenn die Beine etwas müde sind. Immer bergab geht es, die Beschilderung dieses 4 Sterne Radweges hervorragend und nicht zu übersehen, ich kenne sowieso jeden Ortsnamen von hier. Olsberg, Bestwig, Meschede, Oeventrop. Viel Waldstrecke, dazwischen immer wieder die stetig wachsende Ruhr und kleine Dörfer. Fachwerkhäuser und schwarze Schieferdächer. Da gibt es bestimmt eine Bauvorschrift für, es gibt kein einziges abweichendes Haus. Passt aber auch mehr zu den Solaranlagen die ich vermehrt hier sehe.

Ein komisches Gefühl, durch die Landschaft zu fahren wo ich aufgewachsen bin, sie jetzt, nach dem meine Augen so viele andere Sachen gesehen haben, wieder zu sehen, mit anderen Augen. Arnsberg kommt näher. Von hier an kenne ich jede Straße, verknüpfe jede Abbiegung mit einer Erinnerung. Es kommt mir vor wie ein Traum und ich fliege nur so dahin. Seit ich in Frankfurt los geradelt bin habe ich nur noch ein Ziel. Ankommen! An dem Ort wo ich aufgewachsen bin, wo meine Eltern sind. Dort bin ich doch zu Hause. Oder?

Doch jetzt kommen die Zweifel. Es wird mir klar wie unumstößlich dieser Schritt ist. Einmal getan, einmal den Kreis zu schließen, diese Reise zu beenden wo ich sie angefangen habe, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Dieser Kreis kann nicht mehr geöffnet werden, diese Reise und das damit verbundene freie Leben der letzten acht Jahre wird zu Ende sein. Natürlich wird etwas anderes kommen und natürlich kann ich jederzeit wieder auf Reisen gehen, doch dieses Gefühl gerade etwas langes unabänderlich abzuschließen ist zumindest jetzt, im letzten Moment, von Zweifeln begleitet. Endspurt. Der letzte Kilometer. Es geht durch die Stadt. Hoffentlich erkennt mich keiner. Was würden sie fragen? Was würde ich antworten? Ich will nur noch nach Hause. Biege um die letzte Ecke, diesmal andersherum als vor über acht Jahren. Klingel an der Haustür. Meine Mutter öffnet. Freudentränen beiderseits. Angekommen! Zu Hause! Zumindest körperlich. Denn das wirkliche ankommen, das einleben, steht noch bevor und wird wohl deutlich schwerer werden. Denn einen Plan für danach, für nach der Reise, also für Jetzt habe ich noch nicht.

Die letzte Etappe ist geradelt doch der letzte Artikel noch nicht geschrieben. Es fehlt immer noch die Fortsetzung des Amazonas Abenteuers mit der Bootskarawane und auch über das letzte halbe Jahr während der Corona Krise im Rainbow Crystal Land, einer anarchistischen Hippigemeinschaft in Kolumbien möchte ich ausführlich berichten. Sowie ein Follow up über meine Ankunft hier in Deutschland und wie es weitergeht bzw. wohin als nächstes

Auch ob es dieses Jahr einen (letzten) Fotokalender geben wird steht noch nicht fest.

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6 Gedanken zu „Die letzte Etappe

  1. Herzlich Willkommen im Heimatland!
    In wiefern Du Deutschland Dein Zuhause nennen magst, wird sich im Laufe der Zeit zeigen – irgendwie ist ja (verzeih’ mir diesen floskeligen Ausdruck) die Welt zu Deinem Zuhause geworden.
    Ich wünsche Dir jedenfalls, dass Du Dich gut eingewöhnen kannst und noch etwas Zeit hast, um Dich zu entscheiden, wie es weitergeht. Wie lange wirst Du es wohl in dieser Mischpoke aus Verschwörungstheoretikern, Impfgegnern, Corona-Leugnern und anderen Irren aushalten?

    Ich wünsche Dir jedenfalls alles Gute und freue mich, wenn ich mal wieder von Dir höre!

    Herzliche Grüße aus der Vulkaneifel

    Martin

  2. Willkommen zurück. Ich habe Deine Artikel immer gerne gelesen. Schreiben konntest Du ja schon immer. 😉

    Für die Zukunft nur das Beste und viele Grüße aus Köln

    Timo

  3. Moin lieber Florian.
    Schön, dass du gut und heile angekommen bist. Viel von dir gelesen habe ich, oft wollte ich dir schreiben und viel Inspiration und Motivation hast du in mir geweckt. Und eigentlich wollte ich auch schon weg sein, aber nun bleibts abzuwarten. In jedem Fall großartig von dir, dass du deine Geschichte so ausgiebig mit uns geteilt hast.
    Danke dir, Florian und alles Gute für den nächsten Akt deines Lebens.

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